„Jetzt also sind wir die Risikogruppe.“ – Ein Interview mit Ria Hinken

Ria Hinken ist eine unserer Generationen im Gespräch-Projektbegleiterinnen in Freiburg und hat mit einer generationenübergreifenden Gruppe den „Lass uns reden!“-Ansteckbutton entwickelt. Sie ist Spezialist*in für Alter und Digitalisierung. Für Ria Hinken ist die digitale Souveränität Voraussetzung für Freiheit und Selbstbestimmung in jedem Alter! Das Team von Generationen im Gespräch hat mir ihr über das Internet und neue Altersbilder in Zeiten von Corona gesprochen.

Welches Vorurteil zur „Digitalisierung im Alter“ kannst du nicht mehr hören?

Ria Hinken: Die Alten lernen das sowieso nicht mehr.

Was ist deiner Meinung nach der größte Unterschied in der Internetnutzung zwischen Jung und Alt?

Ria Hinken: Das muss man schon etwas differenzierter sehen. Menschen über 80 Jahre haben oft Angst, dass sie etwas falsch machen könnten. Sie sind allerdings auch oft unbedarfter, was das Anklicken von Links angeht. Die Jungen sind quasi im Netz zu Hause. Allerdings achten sie oft nicht so sehr auf den Datenschutz. Sie denken wenig darüber nach, dass das Netz nichts vergisst.

Gibt es ein besonderes persönliches Erlebnis, das du mit uns teilen möchtest, das ohne das Internet nicht möglich gewesen wäre?

Ria Hinken: Ja. 1999 war ich in San Francisco. Alle waren sehr euphorisch damals, was das Internet anging. Jede*r wollte schnell zu Reichtum kommen. Mir wurde klar, dass die Zukunft im Internet liegen wird.
Ich bekam mehrere Einladungen zu Veranstaltungen, die sich alle mit Computern und den neuen Möglichkeiten des Internets beschäftigten. Die Organisation „Frauen im Management“ lud mich ins World Trade Center in San Francisco ein. Danach folgte eine Einladung nach Berkeley an die Uni. Aber am spannendsten waren meine Aufenthalte im Restaurant Buck’s. Dort hat sich damals die Gründerszene, die man damals die „Piraten des Silicon Valley“ nannte mit potentiellen Investor*innen getroffen.
Als ich zurück war in Deutschland, habe ich Gründer*innen in Berlin begleitet. Die Digitalwirtschaft war allerdings hierzulande dann doch sehr weit von den Ideen der Szene im Silicon Valley entfernt. Hierzulande haben die meisten Start-Ups von damals nicht überlebt. Heute ist die Situation anders.

Beobachtest du Veränderungen im Internetverhalten bei den Menschen durch Corona?

Ria Hinken: Viele nutzen das jetzt als Zeitvertreib, weil sie isoliert sind. Viele Menschen können sich oft nicht einmal mit der Familie treffen, geschweige denn mit Freund*innen oder gar verreisen.
Der große Nachteil ist, dass Verschwörungstheorien wie Pilze aus dem Boden schießen. Da fehlt es einfach an den nötigen Gesprächen, um Dinge richtig zustellen.
Onlinebestellungen und Videochats boomen extrem. Letzteres erzeugt schon da und dort Überdruss.

Was brauchen wir für eine Gesellschaft, die sich kompetent und sicher im Netz bewegen kann? Was fehlt?

Ria Hinken: Wir brauchen eine aufgeklärte, offene Gesellschaft! Da stellt sich dann auch gleich die Frage, wer soll wen aufklären und worüber? Ich befürchte, dass der allzu lasche Umgang mit den Internet- und App-Angeboten das genaue Gegenteil bewirkt.
Wenn man kein*e Informationsinformatiker*in ist, dann rennt man quasi den Entwicklungen hinterher.
Ich habe die letzten Wochen verstärkt genutzt, um mich in Sachen Datenschutz und Datensicherheit weiterzubilden. Gerade letzte Woche habe ich zwei Tage lang an einem Workshop von einem großen Unternehmen zu Sicherheit mit Daten teilgenommen. Die Konferenz zur digitalen Gesellschaft re:publica fand dieses Jahr im Netz statt. Die Expert*in für Nachhaltigkeit und Transformation Maja Göpel (Hier könnt ihr den Beitrag sehen!) hat mir da sehr gut gefallen. Ich habe ihr Buch gelesen: „Unsere Welt neu Denken“.
Vier Abende habe ich mich mit Netz-Recherchen und einige Stunden mit Video-Konferenz-Tools und deren Sicherheit beschäftigt.
Gefreut habe ich mich über die Aktion der Baden-Württembergischen Landesregierung, die für den Messenger Threema-Lizenzen an Lehrkräfte kostenlos vergeben hat, damit diese sicher mit ihren Schüler*innen kommunizieren können.
Viel zu viele Menschen nutzen sorglos Dienste von Facebook, Google & Co. weil diese nichts kosten. Dabei übersehen sie allerdings, dass sie mit ihren persönlichen Daten bezahlen. Hier brauchen wir dringend mehr Aufklärung und Verantwortungsbewusstsein bei Jung und Alt.

Verändert das Internet gerade das Verhältnis zwischen den Generationen. Erhalten die Großeltern zum Beispiel gerade jede Woche einen Podcast, den die Enkel*innen aufgenommen haben?

Ria Hinken: Da und dort mag das zutreffen. Die Enkel*innen, die ihren Großeltern selbst-gemachte Podcasts schicken, vermissen die Großeltern meist sehr. Da war auch schon vorher ein gutes Verhältnis. Ich denke jedoch, dass viele junge Menschen sehr deutlich spüren, dass Isolation kein schöner Zustand ist.Die älteren Menschen werden in der Corona-Zeit zunehmend einseitig als Teil der Risikogruppe wahrgenommen, die schutzbedürftig ist.

Nimmst du gerade wahr, dass sich das Bild von älteren Menschen durch Corona verändert?

Ria Hinken: „Willkommen in der Risikogruppe“, schrieb Rainer Hank in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Jetzt also sind wir die Risikogruppe. Noch vor kurzem sah man selbst in der Apothekenumschau überwiegend die „fitten Alten“. Geradezu schlagartig hat sich das Bild verändert. Jetzt sehen wir ständig die hilfsbedürftigen Alten, die man unbedingt vor Corona schützen muss. Diesen Schutz müssen die Jungen teuer bezahlen. Wir dürfen gespannt sein, wie sich das langfristig auf unsere Gesellschaft auswirken wird.
In Zukunft, so glaube ich, werden wir noch viele Veranstaltungen von „Generationen im Gespräch“ brauchen, damit sich die Generationen verstärkt auf einen fruchtbaren Dialog einlassen.
Gerne verweise ich auch auf die Möglichkeit der digitalen Kommunikation auf der Plattform #freiburghältzusammen. Das ist ein nicht kommerzielles Stadtnetzwerk für Nachnachbarschaftshilfe und Engagement. Ich habe dort die Gruppe „Generationen im Gespräch“ eingerichtet, um so die Zeit zu nutzen bis wir uns wieder persönlich treffen können.

Wir danken Ria sehr für das Gespräch und ihr Engagement im Projekt Generationen im Gespräch in Freiburg. Wer mehr über ihre Arbeit erfahren möchte, kann auf ihrer Website alterskompetenz.info vorbeischauen und dem Podcast von Magret Heckel lauschen. In dem Podcast berichtet Ria noch mehr über Digitalisierung und wie sie die Generationen ins Gespräch bringt – online und offline.

200520 Ria Hinken