Der demografische Wandel fördert gesellschaftliche Distanzen

Der demografische Wandel hat weitreichende soziale, kulturelle und wirtschaftliche Folgen für die Beziehungen zwischen den Generationen. Es lässt sich eine zunehmende Distanz zwischen verschiedenen Generationen beobachten:

  1. eine Distanz in Alter und Anzahl
  2. eine Distanz bei der Nutzung von neuer Technik und Medien
  3. die räumliche Distanz.

Wir leben in Deutschland in einer alternden Gesellschaft. In Deutschland wird es zukünftig mehr ältere Menschen, weniger Kinder und Jugendliche, weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter sowie eine verstärkte Zuwanderung aus anderen Staaten geben. Das hat vielfältige Folgen im gesellschaftlichen Miteinander für uns alle.

© Statistisches Bundesamt (Destatis), 2019.

1. Wie wirkt sich die Alterung der Gesellschaft auf die Demokratie aus?

Die Veränderung der altersmäßigen Zusammensetzung der Bevölkerung hat Folgen für politische Entscheidungen. Ältere Menschen beteiligen sich häufiger an Wahlen als Jüngere und sie unterscheiden sich in ihrem Wahlverhalten. Hinzu kommt, dass die Zahl und der Anteil älterer Menschen in Deutschland weiter ansteigen werden. Heute schon sind ein Drittel der Menschen in Deutschland 67 Jahre und älter. Im Jahr 2060 wird knapp die Hälfte der Bevölkerung mindestens 67 Jahre alt sein. Was folgt daraus? Wird die Mehrheit der Älteren ihre Stimme allein zugunsten der Interessen ihrer eigenen Generation treffen? Richtet die Politik ihre Themen vor allem auf die Interessen der älteren Wähler*innenschaft? Leiden darunter gesellschaftspolitische Themen, wie zum Beispiel der Klimawandel, die die Lebenswelt der Älteren nicht mehr betreffen? Wissen die älteren Menschen, welche Bedeutung Themen wie zum Beispiel Klimawandel für die junge Generation haben?

Was ist generationengerecht in der Sozialpolitik?

Die Sicherung eines staatlichen Rentensystems hängt in hohem Maße von den demografischen Rahmenbedingungen ab. In der gesetzlichen Rentenversicherung werden die Rentenzahlungen über die Beiträge von den Arbeitseinkommen finanziert. 1962 kamen auf eine*n Rentner*in noch sechs Erwerbspersonen. 2017 waren es nur noch gut zwei  erwerbstätige Menschen, die die Rente für eine Person finanzierten. Das Verhältnis von Beitragszahler*innen und Rentner*innen hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert und belastet das System.

So rückt das Generationenverhältnis in den Mittelpunkt der sozialpolitischen Debatte um Gerechtigkeit: Sind die Renten in Zukunft noch finanzierbar, wenn die Lebenserwartung weiter steigt und die Renten entsprechend länger zu zahlen sind? Werden die Jüngeren in Zukunft überbelastet? Im demografischen Wandel liegen auch für den Generationenvertrag nicht nur Risiken und Probleme, sondern auch Chancen, die Bedingungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und sozialer Gerechtigkeit neu zu denken.

2. Technologische Distanz – Kommen die Generationen im digitalen Raum zusammen?

Der technologische Fortschritt und die Digitalisierung verändern unser Zusammenleben, unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft tiefgreifend. Der Zugang zu digitalen Technologien und Angeboten kann physische Distanzen zwischen den Generationen abbauen. Darin liegen Chancen, die Teilhabe an Gesellschaft und Wirtschaft zu verbessern und die Veränderungen

unserer Altersstruktur positiv nutzen zu können. Digitale Medien können die Möglichkeit bieten, gegen Vereinsamung vorzugehen, wenn die direkten Kontakte zu Freund*innen und der Familie weniger werden.

Zugleich aber entstehen neue Distanzen zwischen Jüngeren und Älteren im digitalen Raum. Es entsteht eine digitale Alterskluft. Die junge Generation kommuniziert anders und mit anderen Technologien als die ältere Generation. Die Lebenswelten von Jung und Alt können sich auch hier entfernen. Während viele Jugendliche in einer Welt des technischen Fortschritts zu Hause und über weite räumliche Distanzen vernetzt sind, verbringen manche Senior*innen ihre Zeit allein.

Sind soziale digitale Medien eine Chance gegen Distanz der Generationen?

Soziale Netzwerke sind die neuen Medien des Internets. Sie verbinden Menschen und helfen ihnen, die Inhalte des Internets zu organisieren, zu verbreiten und in den Dialog zu treten. Es entstehen Filterblasen und Echokammern, in denen die Menschen innerhalb ihrer eigenen Kreise und Communities in den sozialen Medien kommunizieren und darüber hinaus nur wenig Austausch mit anderen haben. In den rasanten technologischen und kulturellen Veränderungen wächst die kommunikative Distanz zwischen der jüngeren und älteren Generation. Die sozialen Beziehungen zwischen den Generationen verändern sich durch Facebook, Twitter oder Co., zugleich nimmt der Anteil in der älteren Generation zu, die Digitalisierung und neue soziale Medien für ihre Bedürfnisse nutzen.

 

© BildungsCent, Datenquelle: ARD/ZDF-Onlinestudien 2017-2019.

3. Räumliche Distanz:

Die junge Generation ist in ihrer Lebensgestaltung nicht auf einzelne Orte durch Jobs und soziale Bindungen festgelegt. Zu den Selbstverständlichkeiten der Lebensgestaltung und Arbeitsorganisation gehört ein hohes Maß an Mobilität, Freiheit, Grenzüberschreitung und Selbstverwirklichung prägen die neue Jugendphase. Heute verlassen Menschen ihre Geburtsorte früh und wechseln insbesondere in Phasen der Erstausbildung ihre Wohnorte.

 

Wer zieht in Großstädte?

Die Städte wachsen, der ländliche Raum schrumpft. In ländlichen Regionen gibt es eine Abwanderung junger Menschen. Die Bevölkerungen in strukturschwachen Gebieten schrumpfen. Dagegen wachsen die urbanen, attraktiven Städte durch Zuwanderung der jungen Generation.

Wer lebt in den ländlichen Regionen?

In den ländlichen Regionen bleiben häufig Menschen der älteren Generation. Was sind die Folgen? Vor allem in ländlichen Gebieten, wo eine hohe Abwanderung junger Menschen auf eine bleibende alternde Bevölkerung trifft, fühlen sich Menschen oft sozial benachteiligt und abgehängt. Generationenübergreifende Familienstrukturen an einem Ort werden zunehmend aufgebrochen. Die Frage der Distanz zwischen den Generationen ist eng verknüpft mit der Frage nach gleichwertigen Lebensverhältnissen und dem intergenerationalen Zusammenhalt. So stellt sich in einigen ländlichen und strukturschwachen Regionen angesichts der steigenden Zahl älterer Menschen und der Abwanderung junger Menschen die Frage, wie die Versorgung mit dem täglichen Bedarf und ein gutes Sozialleben aufrechterhalten werden kann.

Ausblick: Leben wir in einer onkel- und tantenlosen Gesellschaft?

Ein grundlegendes Problem der Generationenbeziehungen ist dabei die loser werdenden Kontakte zwischen den Generationen außerhalb der Familie. Weil Kinder heute weniger Geschwister haben als früher, schrumpfen nach und nach die Verwandtschaftsstrukturen. Die Jüngeren wachsen in einer onkel- und tantenlosen Gesellschaft auf. Die geografische Distanzierung zwischen den Generationen verstärkt diesen Trend. Kontakte zwischen Angehörigen der gleichen Altersgruppen nehmen zu, aber es gibt weniger soziale Beziehungen und Kontakte zwischen Menschen unterschiedlicher Generationen. Es tut sich eine zunehmende Distanz von Jungen und Älteren auf.

Generationenbeziehungen sind ein gesellschaftspolitisches Querschnittsthema. Die Sorge um den Erhalt des Gemeinwesens und des Sozialstaats verleihen diesem Thema Brisanz. Bei Generationen im Gespräch überwinden wir die zunehmenden Distanzen in der demografischen Entwicklung der Gesellschaft und eröffnen neue Perspektiven auf die Generationenbeziehungen.

© Wendy Corniquet, Pixabay